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Smart Home & Sicherheit

Smart Home bedeutet übersetzt „intelligentes Zuhause“. Daraus abgeleitet soll „Smart Living“ das Leben zuhause komfortabler, resourcenschonender und sicherer machen. So gibt es heute viele digitale Smart Home Produkte der Sicherheitstechnik für den Einbruchschutz und weitere unterschiedlichste Anwendungen, welche miteinander vernetzt werden können. Über aktuelle Entwicklungen und was es beim Thema Smart Home zu beachten gilt, sprachen wir im Experten-Interview mit dem Vorstandsmitglied der SmartHome Initiative Deutschland e.V. Norman Bartusch.

Norman Bartusch

Einbruchsicher.blog: Herr Bartusch, können Sie bitte Ihre Initiative kurz vorstellen?

Norman Bartusch: Der eingetragene Verein “SmartHome Initiative Deutschland” ist ein Gewerke-übergreifender Bundesverband. Seine Aufgabe ist die Vernetzung und der Erfahrungsaustausch von allen Teilnehmern der Wertschöpfungskette „Smart Home“ aus Forschung, Entwicklung, Industrie, Großhandel, Fachhandel, Handwerk, Versorgern, Wohnungs- und Sozialwirtschaft, Planern und Architekten.

Einbruchsicher.blog: Wie ist die aktuelle Entwicklung des Smart Home Marktes in Deutschland?

Norman Bartusch: Die Entwicklung ist gerade in den letzten beiden Jahren überproportional gestiegen. Bis vor ca. zwei Jahren wurde immer auf eine zeitnahe Entwicklung in allen Prognosen gesprochen. Ein Fakt ist, dass wir mitten im Umbruch sind. Das Schwierige an der Situation ist, sehen wir den Markt nicht, weil er nicht da ist oder ist er da und wir sehen ihn nicht richtig.

In allen Branchen wird immer auf den Durchbruch durch die Elektrobranche verwiesen. Warum nur in der Elektrobranche? Wir müssen mal das Antibeispiel vom selbstbestellenden Kühlschrank vergessen. Die drei branchenbegreifenden Metathemen welche politisch getrieben werden sind: 1. Klimaziele (Energie) 2. Digitalisierung 3. Demografie.
Das hat nichts mit einer einzelnen Branche zu tun. Da ist die Elektrobranche genauso innovativ / konservativ wie der Baubeschlag, der Sanitär- Heizungs- und Klima-Bereich, die Sicherheitstechnik oder der Do-It-Youself-Bereich. In jeder Branche gibt es einige Unternehmen, die sich auf ein Thema konzentrieren und damit eine Marktvorsprung erarbeiten, wie es auch Unternehmen gibt welche „warten“ bis ein Markt auf sie zukommt, am besten mit vorausgefüllten Bestellformularen (was nie passieren wird). 

Einbruchsicher.blog: Die Polizei warnt ja immer wieder vor Sicherheitslücken im Bereich Smart Home. Wie lautet hier Ihre Empfehlung?

Norman Bartusch: Meine Sicht ist eine andere. Schwerpunktmässig warnt nicht die Polizei vor Sicherheitslücken im Smart Home Gateway  (Plattform und Schnittstelle, so dass die Geräte kompatibel untereinander sind), sondern die Medien stellen diese als Gefahren dar. Meines Wissen gibt es beispielsweise beim Landeskriminalamt NRW keinen nachgewiesenen Schaden durch Hacking eines Smart Home Gateway bzw. Smartlocks. Ein potentieller Einbrecher nutzt eine konventionelle Methode um ins Haus zu kommen. Ein Kuhfuss oder eine Schlagmethode sind viel schnellere und weniger aufwendige Methoden. Warum sollte ein Einbrecher der das know how hat, ein Smart Home zu hacken, ein Smartlock hacken und nicht direkt das Konto des Opfers? Das macht einfach gar keinen Sinn. Wichtig ist für ein Heimnetzwerk den Router zu schützen, das ist unabhängig vom Smart Home.

In den Medienberichten z.B. von Plusminus „ hacken eines Smartlocks“ wurde z.B. nicht das voreingestellte Passwort (0000) geändert. So kann natürlich ein System angegriffen werden. Wenn Sie einen Schlüssel von außen in de Tür stecken lassen, darf man sich ja auch nicht wundern, wenn dieser durch unbefugte Personen genutzt wird.
Außerdem heisst Smart Home ja nicht , dass ich alles aus der Ferne mit dem Smartphone steuern muss. Smart Home (Smartbuilding, Smartcity usw.) beschreiben automatisierte Anwendungen. Smart bedeutet nicht, dass ein Smartphone der Schalter für alles ist. Viele automatisierte Anwendungen nutzen wir doch ohnehin schon, nur dass wir sie anders benennen. Eine Tür mit eine Fernbedienung ist eine smarte Anwendung. Eine Fernbedienung für ein Garagentor ist ein sogenanntes im Neudeutsch „use case“ als Teilbereich bzw. Szene eines Smart Home. Wer sagt, dass alles mit einander vernetzt sein muss? 

Wichtig ist es, den Router gut zu schützen

Einbruchsicher.blog: Smart Home wird ja inzwischen z.B. von der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) im Bereich des Einbruchschutzes gefördert. Welche Normungen und Bedingungen gelten?

Norman Bartusch: Auch hier treffen wieder viele Realitäten aufeinander. Hier gibt es unterschiedliche Förderungen. Die Frage ist, macht es überhaupt Sinn diese zu nutzen? Es gibt viele preiswerte smarte Technologien die nicht förderwürdig sind, aber einen viel größeren Sinn ergeben und zudem auch noch preiswerter sind.

Die Deutsche Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) erstellt zur Zeit verschiedene „smarte“ Normen (Smart Home für Gefahrenwarnanlagen, AAL (das assistenzunterstützte Leben im Alter
) im Smarthome, Smart Living“). Das DKE vertritt aber nur die Akteure der Elektrotechnik. Smart Home endet aber nicht in der Elektrotechnik, sondern beinhaltet auch die harmonisierten Bauprodukte (Tür, Tor, Fenster, Bereiche Smart Home Living). Das Zusammenspiel der Akteure wird übersehen.

So gibt es die Norm 0826-1. Ursprünglich sollte hier eine Smart Home Norm erstellt werden. Diese verweist z.B. im Bereich der Alarmtechnik auf einige vorhandene Normen. Diese Kriterien Norm müssen erfüllt sein, wenn ich z.B. eine KfW Förderung beantrage.

Aus meiner Sicht gibt es aber inzwischen so viele innovative Technologien, die ich in reine Smart Home Techniken / Smart Home Gateway mit einbinde, die dann wesentlich günstiger für den Verbraucher sind. Der reale Stand der Technik ist eigentlich viel weiter, allerdings ist dieser branchenübergreifend und daher kaum greifbar.

Einbruchsicher.blog: Man hört auch immer wieder, dass die vielen Systeme nicht untereinander kompatibel sind. Wie sieht es im Bereich der Standards aus?

Norman Bartusch: Ein Ziel von Normierungen ist es, einen Standard zu erhalten. Der einzige Standard den ich mir vorstellen kann ist, dass es bei den 230 V aus der Steckdose bleibt. Dann hört es aber schon auf. Warum auch? Es kann durchaus Sinn machen, probrietäre Systeme in den Markt zu bringen. Diese sind seitens des Hersteller aufeinander abgestimmt und funktionieren. Ebenso gibt es inzwischen viele multifunktionale Gateways, mit denen auch einfach verschiedene Technologien einfach kombiniert werden können. Alles kann, nichts muss…

Wird es künftig „einen“ Smart Home Standard geben?

Einbruchsicher.blog: Bereits vor längerer Zeit wurde angekündigt, dass Amazon, Apple, Google und weitere Global Player einen gemeinsamen Smart Home Standard einführen wollen. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein und was bedeutet das für die Zukunft?

Norman Bartusch: Die Global Player haben erkannt, dass sie, trotz ihrer Größe die Komplexität der smarten Welt verkannt haben. Die von Ihnen angesprochene „Connected home over ip“ beschreibt einfach den künftigen Weg. Es steht für mich völlig außer Frage, dass wir künftig nicht über Protokolle / Funkvarianten (z.B. KNX, EnOcean, Z-Wave, ZigBee usw.) reden, sondern über die Adressierung der IP Adresse … Hört sich wild an, ist aber eigentlich eine Vereinfachung. Warum sind Apple, Ikea und Amazon erfolgreich? Die Systeme sind einfach und funktionieren. Sie wissen, wenn Sie ein Apple Device kaufen, dass es mit anderen Apple Geräten einfach und intuitiv funktioniert. Wir denken noch zu kompliziert. Andererseits kann und sollte es ein neues Geschäftsmodell sein, mit der Situation umzugehen.

Einbruchsicher.blog: Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Smart Home Marktes ein?

Norman Bartusch: Er ist längst da und wir sehen die vielen neuen Mitspieler nicht. Das ist sicher auch der noch guten wirtschaftlichen Situation geschuldet. Da ist genug für alle da. Nur was ist in 5 Jahren? Zählen Sie mal die aktuellen Anbieter / Startups im Thema Digitalisierung in der  Wohnungswirtschaft (PropTech´s). Das sind die Generalunternehmer die Zukunft.

Noch einmal, schauen Sie sich die politischen Metathemen an, Beispiel AAL. AAL ist das assistenzunterstützte Leben im Alter. Was hat die Sicherheitstechnik damit zu tun? Da greifen Gefahrenwarnanlagen wie Notzugänge zu den Wohnungen, Warnmelder, Sensoren, Integration Spracherkennungen für automatisierte Türöffnungen und, und, und. Diese Themen greifen in alle Gewerke ein, in denen wir vertreten sind.


Einbruchsicher.blog: Was raten Sie diesbezüglich den Herstellern, dem Fachhandel und den Verbrauchern?

Norman Bartusch: Den Herstellern würde ich empfehlen, sich auch trotz Wettbewerbssituationen in diesem Segment mehr zu organisieren. In Zusammenarbeit mit den Handelsakteuren könnte eine Brancheninitiative sinnvoll sein, die dann auch auf all diesen Ebenen aktiv sein kann. Bei genauerer Betrachtung der unterschiedlichen Branchen ist z.B. der Bereich Baubeschlag und Sicherheitstechnik viel tiefer im Gesamtgebäude vertreten als andere Akteure. 

Für den Fachhandel als auch für den Verbraucher erscheint es mir sinnvoll, die Produkte nicht nur an den technischen Merkmalen festzumachen. Es macht aus meiner Sicht wenig Sinn sich ein „Einsteigerpaket Smart Home“ zu kaufen und dann die passenden Anwendungen dazu zu suchen. Was soll z.B. ein Set mit nur einem Fensterkontakt, einer Steckdose und einer Innenkamera? Der richtige Ansatz sollte die Frage sein, welche Erleichterungen im wohnlichen Umfeld ich erreichen möchte. Wenn ich wissen will, ob die Fenster zu sind, um damit gleichzeitig eine Überwachungsfunktion zu haben, dann benötige ich die richtige Anzahl an Fensterkontakten. Warum nicht die Garage gleichzeitig zur Paketanlieferung nutzen? Für diese „kleinen“ Anwendungspakte benötige ich kein komplett vernetztes Haus.

Richtige Smart Home Fachhändler gibt es nicht. Aber jeder Fachhandel kann sein Produktsortiment „versmarten“ und Smart Home fähig anbieten. Je genauer eine definitive Anforderung gestellt werden kann, um so mehr führt mich diese zur Produkt-, bzw. Technologielösung.

„Smart bedeutet nicht, dass ein Handy der Schalter für alles ist“ …

Einbruchsicher.blog: Vielen Dank für das Interview Herr Bartusch!

Fazit:

Smart Home soll das Leben vereinfachen. Das Zusammenspiel von Produkten, Anwendungen, Hersteller, Handel, Schnittstellen, Standards, Normen und Förderungen scheint hier derzeit aber noch kompliziert oder unübersichtlich zu sein. Sicher wird sich in den kommenden Jahren noch viel entwickeln und der Markt wird weiter stark wachsen.

In Bezug auf den Einbruchschutz sind neben qualitativ hochwertigen und geprüften Produkten auch deren fachgerechte Montage wichtig. Dabei gilt es, zunächst für eine ganzheitliche und solide mechanische Sicherung der Außenhaut zu sorgen. Ergänzende elektronische Produkte können, richtig eingerichtet und angewendet, weiteren Schutz und Komfort bieten.

Weitere Infos zum Thema gibt es bei der SmartHome Initiative Deutschland e.V.

Fotos: SmartHome Initiative Deutschland e.V., Pixabay

Ralf Margout

Da ich von Kind auf in der Branche aufgewachsen bin, prägen Schlüssel, Schlösser und Sicherheitstechnik seit dem mein Leben. Nach meinem BWL-Studium war ich 15 Jahre erfolgreich mit einem Fachgeschäft für Sicherheitstechnik selbstständig. Dann entschied ich mich für einen Wechsel und war 7 Jahre Geschäftsführer bei interkey, dem Fachverband Europäischer Sicherheits- und Schlüsselfachgeschäfte. Inzwischen bin ich über 35 Jahre in der Sicherheitsbranche unterwegs und habe dabei in vielen Fachgremien mitgearbeitet. Aktuell bin ich beratend im redaktionellem Bereich der Sicherheitstechnik tätig.

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